artgerecht Leben - Dorf
Achtsamkeit,  Selbstliebe

Artgerecht leben für Mütter – Gastbeitrag

„Artgerecht leben“ ist ein Gastbeitrag meiner lieben Bloggerkollegin:

Artgerecht Leben für Mütter - Autorin Hanna

Über die Autorin: Ich bin Hanna (*1985), Mutter von zwei kleinen Jungs und schreibe unter anderem auf Mutterinstinkte.de und Rubbelbatz.de über Familien- und Frauenthemen. Ich freue mich, wenn Du mal vorbei schaust!

Artgerecht leben für Mütter

Immer wieder fällt mir die Art auf, wie mir andere Mütter von ihrem Alltag mit kleinen Kindern erzählen. Eine stillschweigende Übereinkunft in unserer Gesellschaft scheint zu sein, dass eine Mutter alleine es schafft, rund um die Uhr für ihre Kinder zu sorgen. Besonders, wenn sie nur ein Baby hat, ist eine Überlastung aus irgendeinem Grund ihr selbst anzulasten. Das haben ja immerhin schon so viele Frauen vor ihr geschafft. Oder etwa nicht? Meine eigene Mama zum Beispiel hat vier Kinder großgezogen und schien dabei immer wahnsinnig organisiert und entspannt zu sein.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen

Artgerecht leben - Das sprichwörtliche Dorf

Bei näherem Hinsehen ist die Sache etwas komplexer. Wenn ich meine Mama frage, wie sie das hinbekommen hat, ist ihre Antwort: Gar nicht. Sie hatte Unterstützung. Ja, stimmt, meine Oma hat bei uns im Haus gelebt, bis der jüngste von uns 8 Jahre alt war. Auch bei meinen anderen Großeltern, die im nächsten Dorf wohnen, verbrachten wir viel Zeit. Meine Cousinen und Cousins mit ihren Eltern waren häufig hier und die Familien halfen sich gegenseitig. Ist das nun das berühmte Dorf, das es braucht, um ein Kind groß zu ziehen?

Tatsächlich gibt es heute einiges an Literatur darüber, unter welchen Bedingungen Kinder gut aufwachsen. Wie sie „artgerecht“ leben, zum Beispiel das gleichnamige Buch von Nicola Schmidt oder „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster.

Steinzeitmenschen in der westlichen Welt

Sie alle bauen auf derselben Grundlage auf: Wir Menschen sind genetisch, also von den biologischen Anlangen und Bedürfnissen her immer noch dieselben wie vor 10.000 oder 50.000 Jahren. Biologie verändert sich nicht so schnell, wie die Menschen das Rad oder eine Ziegelbrennerei für feste Behausungen erfinden. In unseren Anlagen und Instinkten ist das moderne Leben also noch nicht angekommen. Stattdessen sind wir angepasst an die vielen hunderttausende von Jahren, in denen Menschen in Großfamilien, Clans oder Nomadenstämmen zusammen lebten. In diesen Gemeinschaften ist es völlig selbstverständlich, dass nicht eine Person alle Aufgaben in der Familie übernimmt. Während jemand für alle kocht, passt jemand anders auf alle Kinder auf usw. Die wenigsten lebten allein in Vater-Mutter-Kind Beziehungen. Es gab immer viele Menschen.

Artgerecht leben für Kinder

Vielleicht ist Dir schon einmal aufgefallen, dass sich Säuglinge und Kleinkinder dann wohl fühlen, wenn viel los ist? Dann fühlen sie sich sicher und geborgen im Familienverbund. Ein Neugeborenes kommt zur Welt und weiß noch nichts von sicheren Häusern und festen Mauern. Es möchte bei einer vertrauten Person, am besten bei der Mutter, am Körper getragen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass das in den ersten Monaten in vielen Kulturen auch die Hauptaufgabe von Müttern war. Das Baby stillen und beschützen.

Artgerecht leben für Eltern

Nun legen viele solcher Publikationen den Fokus auf die Kinder: Was ist artgerecht für Babys, für Kleinkinder? Welche Bedürfnisse bringen sie mit, die wir vielleicht zunächst nicht verstehen oder erwarten würden? Doch was ist eigentlich mit den Eltern, insbesondere den Müttern? Was ist für uns ein artgerechtes Leben, welche Bedürfnisse haben wir, die im modernen Leben zu kurz kommen?

Wenn ich hier von Müttern spreche, dann möchte ich Väter natürlich nicht ausschließen. Und doch ist es in den westlichen Kulturen immer noch sehr verbreitet, dass die Männer Vollzeit in einem besser bezahlten Job arbeiten, während Mütter zwar manchmal arbeiten, aber trotzdem einen großen Teil der Care-Arbeit und des Haushaltes unter Kontrolle haben. Diese Problematik, auch als Mental Load der Mütter bezeichnet, soll aber hier nicht zur Diskussion stehen. Spätestens mit dem positiven Schwangerschaftstest wird von den Frauen in der Beziehung erwartet – oder erwarten sie es selbst von sich? – dass sie plötzlich zum Allround-Talent mit unbegrenzt körperlichen und seelischen Kapazitäten werden und neben einem 24-Stunden-Job namens Baby auch noch Haushalt, Einkäufe, Kochen und eventuell große Geschwisterkinder wuppen. Wenn ich also frage, was ein artgerechtes Leben für Mütter ist – das bestimmt nicht!

Wenn Du Dich oft überlastet fühlst, müde und ausgelaugt, dann ist das ein Problem, das nicht nur Dich betrifft. Es liegt sprichwörtlich in der Natur der Sache, dass das für einen Menschen allein (zu) viel ist! Wenn wir so mit uns umgehen, solche Ansprüche an uns selbst stellen, ist es kein Wunder, dass immer mehr Mütter in der Burnout-Falle landen. Körperliche oder psychische Symptome entwickeln. Eine Mutter-Kind-Kur brauchen, um wenigstens einigermaßen weitermachen zu können.

Die Lebenswirklichkeit artgerechter gestalten – 6 Gedankenanstöße

Artgerecht leben – Die Lebenswirklichkeit artgerechter gestalten – 6 Gedankenanstöße

Artgerecht leben - Gemeinschaft
Bild von Anemone123 auf Pixabay

Dabei sollte es niemals das Ziel sein, etwas fortzuführen, was einen so weit gebracht hat, nicht mehr zu können. Stattdessen sollten wir überlegen, wie das Leben auch in modernen, westlichen Strukturen ein wenig artgerechter werden kann. Ich habe folgende Grundbedürfnisse bzw. Stellschrauben ausgemacht:

1. Gemeinschaft und soziale Anerkennung

Menschen brauchen Menschen. Und zwar nicht nur den Vater der Kinder abends und am Wochenende oder einen gelegentlichen Besuch der eigenen Mutter. Ja, Kinder brauchen andere Bezugspersonen. Aber auch Erwachsene brauchen andere Menschen, mit denen sie sich wirklich verstehen und austauschen können. Früher hatten wir doch auch Freundinnen, mit denen wir einfach abgehangen sind und alles besprechen konnten. Warum können wir nicht auch für die Lebensphase als Eltern mit (kleinen) Kindern andere Menschen finden, die zu uns passen?
Mein erster Sohn war keine vier Monate alt, als ich anfing, mich beinahe täglich mit drei anderen Müttern und deren Kindern zu treffen. Das erleichterte mir den Alltag allein mit Baby ungemein. Denn zuhause hatte ich mich allein mit Baby häufig überfordert und gereizt gefühlt. Gemeinsam müde im Park oder der Wohnung einer Freundin abzuhängen, machte die ganze Sache so, so viel erträglicher.

Mittlerweile wohnen wir nicht mehr in der Stadt, sondern auf einem Hof mit meinen Eltern und zeitweise auch meinem Bruder mit Kleinkind. Das ist toll und „artgerecht“ für meine Kinder. Auch ich mag meine Eltern sehr und sie sind echte Gesprächspartner, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Trotzdem kommen häufig Freunde vorbei, auch kinderlose. Denn vor allem Freunde ohne eigene Kinder, finde ich, sind unbezahlbar. Auf diese Weise haben wir einen kleinen Kreis von Personen geschaffen, die nicht nur Bezugspersonen für meine Kinder, sondern vor allem auch Gesprächspartner für uns Eltern sind! 

Gemeinschaft ist meiner Meinung nach das A und O für ein gutes Leben.

2. Unterstützung

Ein zweites Bedürfnis, das ich nicht mit dem Mutterwerden abgelegt habe, ist Zeit für mich zu haben. Seien es noch so kleine, kurze Inseln im Familienalltag, sie sind doch so wichtig für mich. Wie man sich solche Zeit schafft, wenn man nicht das Glück hat, die Großeltern nebenan zu haben? Sei kreativ! Sprich mit den Nachbarn, mit Freunden und Bekannten über Dein Problem. Oft ergibt sich dann ganz wie von selbst eine Lösung. Jemand, der anbietet, eine Stunde auf Dein Kind aufzupassen, während Du einfach für Dich sein kannst. Vielleicht hattest Du gar nicht erwartet, dass jemand das gerne tut und Freude an der Zeit mit Deinem Kind hat?
Nun liegt es an Dir, die Hilfe auch annehmen zu können und nicht den vermeintlichen Stolz, alles alleine zu schaffen, vorzuschieben.

3. Selbstverwirklichung

Wenn Du Dir nun also etwas Zeit verschaffen konntest – was fängst Du an damit? Hast Du Hobbys? Ziele? Wer wolltest Du sein, bevor Du Mutter wurdest? Wie wolltest Du sein? Behalte diese Ziele im Blick und sieh, was Du in der aktuellen Situation für Deine Träume tun kannst. Vielleicht sind es nur kleine Schritte oder reine Planungen. Aber vergiss nicht, dass eines Tages die Kinder weniger Arbeit sein werden und Du wieder mehr Zeit für Selbstverwirklichung hast!

4. Körperpflege und Selbstliebe

Nur weil ich Kinder habe, möchte ich mich nicht plötzlich unattraktiv und dauermüde fühlen. Leider passiert das aber so schnell, wenn man nicht aufpasst. Während mir früher wichtig war, wie mein Bauch aussieht oder ob meine Achseln rasiert sind, muss das mit Kindern plötzlich warten. Es gibt immer etwas, was wichtiger ist. Frische Wäsche zum Beispiel oder eine saubere Küche.

Mach Dir feste Zeitfenster, in denen Du Dir nur Zeit für Dich nimmst. Alles andere kann warten. Denn sich um sich selbst zu kümmern, seinen Körper und Geist zu pflegen, sollte niemals zu kurz kommen!

5. Partnerschaft pflegen

Erinnerst Du Dich, als Du und Dein Partner frisch verliebt wart? Eure Zukunft geplant und aufgebaut habt? Damals war Zeit mit dem anderen zu verbringen einfach unbezahlbar. Warum sollte das jetzt kein Bedürfnis mehr sein, nur weil ihr Eltern seid? Trotzdem steht plötzlich die Zeit als Familie, also primär die Kinder, im Vordergrund. Und natürlich Schlaf. Wir haben einen Abend in der Woche, an dem der Große bei den Großeltern schläft – und wir Paarzeit haben.

6. Erfolgserlebnisse statt Perfektionimus

„Einfach mal was von der To-Do-Liste auf die Was-Soll’s-Liste setzen“

Unbekannt

Was noch? Was brauchen Menschen, um sich wohl zu fühlen? Laut Maslowscher Bedürfnismpyramide steht ganz oben das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Gleich danach kommt das Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung. Das heißt, wir wollen das Gefühl haben, dass andere unsere Leistung und uns als Person wertschätzen und befürworten. Das heißt, unsere Leistung als Mutter muss „gut genug“ sein. Oft beeinflusst Deine Wahrnehmung und eigene Einschätzung dieses Gefühl viel mehr, als die tatsächliche Anerkennung der anderen. Fange darum bei Dir an. Schau auf das, was Du schaffst. Was Du gut machst. Nicht auf das, was noch besser sein könnte. Perfektionismus scheint tatsächlich der erste Schritt zum Burnout bei Müttern zu sein.

Ein Kommentar

  • Ella

    Wunderbarer Artikel, gerade das Thema Selbstwert ist eine Sache, die man als Mutter im Auge behalten musst und woran man aktiv arbeiten muss. Selbstwert braucht regelmäßiges Training, er ist wie ein Muskel. Wenn er nicht bewegt wird, verkümmert er.

    Liebe Grüße,
    Ella

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