Erziehung

Attachment Parenting – bedürfnisorientiert Erziehen

Heute möchte ich den Blogbeitrag dem „Attachment Parenting“ oder zu deutsch dem „Bedürfnisorientierten Erziehen“ widmen.

Leider wird dieser Erziehungsstil gerne verschrien. Die Eltern würden ihr Kind damit verwöhnen und verziehen. Aber mal ganz von vorne:

Attachment Parenting
Attachment Parenting

Was heißt Attachment Parenting eigentlich?

Bei Attachment Parenting geht es in erster Linie darum, von Anfang an eine sichere und von Vertrauen geprägte Bindung und Beziehung zwischen Eltern und Kind zu schaffen. Vertrauen ist das A und O einer jeden Beziehung, so natürlich auch der Eltern- Kind-Beziehung. Hier ist es sogar besonders wichtig, weil das Kind von den Eltern abhängig ist. Es MUSS ihnen also blind vertrauen, da es auf deren Hilfe, Liebe und Fürsorge angewiesen ist. Aber hier geht es auch um das Vertrauen der Eltern in das Kind. Dass es sich bemerkbar macht, wenn es was braucht und signalisiert, wenn es etwas kann.

Die meisten Eltern erziehen instinktiv bedürfnisorientiert, solange ihnen dies nicht von irgendwelchen „klugen“ und „weniger klugen“ Ratgebern und selbsternannten Erziehungsexperten ausgeredet wird.

Da kommen gerne „gut gemeinte Tipps“ wie: 

„Warte zwischen den Stillmahlzeiten 3-4 Stunden ab, das Kind muss lernen, dass es nicht immer was gibt.“

„Nimm das Kind bloß nicht mit ins Elternbett, es gewöhnt sich dran und du bekommst es nie mehr ins eigene Bett!“

„Du musst nicht immer springen, wenn das Kind mal einen Mucks macht. Lass es ruhig mal schreien, das stärkt die Lungen und es lernt, dass es auch mal abwarten muss. Es muss lernen sich selbst zu beruhigen!“

„Wenn du dein Kind täglich in den Schlaf begleitest, verwöhnst du es und es wird nie alleine einschlafen. Lass es schreien, dann lernt es das Ein- und Durchschlafen von ganz alleine.“

„Wenn du dein Kind ständig trägst, will es natürlich nicht mehr alleine oder im Kinderwagen liegen.“

„Stille das Kind doch endlich ab, es isst doch schon längst am Tisch mit!“

All diese Ratschläge raten von Attachment Parenting und somit vom bedürfnisorientierten Erziehen ab. Sie vermitteln dir, dass du deinem Kind nicht jedes Bedürfnis erfüllen darfst, sonst würdest du es verwöhnen.

8 Prinzipien der Erziehung vom Attachment Parenting

Laut der Organisation Attachment Parenting International besteht das Attachment Parenting aus 8 Prinzipien der Erziehung.  

Diese heißen:

1. Vorbereitung (auf Schwangerschaft, Geburt und Elternsein)

2. Füttern

3. Reaktion 

4. Berührungen

5. Sicherer Schlaf

6. Bestimmtheit

7. Disziplinierung

8. Gleichgewicht


Quellen: 

https://www.betreut.de/magazin/kinder/attachement-parenting/

https://www.care.com/c/stories/4788/attachment-parenting-and-your-child/

Beispiele aus unserem Alltag zum Attachment Parenting

Im Folgenden möchte ich anhand von Beispielen aus unserem Alltag auf die einzelnen Prinzipien von Attachment Parenting eingehen:

1. Vorbereitung

Ich habe mich während der ersten Schwangerschaft (und eigentlich auch schon weit vorher) ausgiebig mit dem Thema Schwangersein, Entbindung, Wochenbett usw. beschäftigt. Allerdings bin ich dabei noch nicht auf das Attachment Parenting aufmerksam geworden. Ein gemeinsamer Geburtsvorbereitungskurs hat uns geholfen, zu verstehen, was bei einer Geburt vor sich geht und auch theoretisch, wie wir uns verhalten müssen, wenn es los geht. Wer unsere Geburtsgeschichte von der Großen kennt weiß auch, dass es bei uns dann etwas anders als „sonst“ ablief. Trotzdem hat mich dieses Wissen sehr beruhigt und ich hatte das Gefühl bereit zu sein, als es (unerwartet früh) losging.

2. Füttern

Das Füttern (egal ob mit der Flasche oder der Brust) ist nicht nur Nahrungsaufnahme für das Kind. Es ist viel mehr! Es gibt dem Kind Geborgenheit, Körperkontakt, befriedigt das Urvertrauen und schafft ganz viel Nähe zu Mama und Papa. Ich habe die Große jederzeit gestillt, also „Stillen nach Bedarf“ und nicht nach Uhrzeit. Denn das hätte meinem Kind nicht nur suggeriert, dass ICH bestimme, wann es Nahrung gibt, sondern auch, dass ICH bestimme, wann es Geborgenheit und Nähe erfahren darf. D.h. ich habe nie auf solche Sätze wie

„Stille das Kind doch endlich ab, es isst doch schon längst am Tisch mit!“ oder „Warte zwischen den Stillmahlzeiten 3-4 Stunden ab, das Kind muss lernen, dass es nicht immer was gibt.“ gehört, sondern nur auf mein Kind und seine Bedürfnisse. Und siehe da, sie hat mir selbst gezeigt, als sie nicht mehr wollte. Und mit der Kleinen möchte ich es genauso handhaben.

3. Reaktion (so wichtig im Attachment Parenting)

Hier geht es darum eben genau nicht darauf zu hoffen, dass das Kind sich selbst beruhigt, wie in dem Satz: „Du musst nicht immer springen, wenn das Kind mal einen Mucks macht. Lass es ruhig mal schreien, das stärkt die Lungen und es lernt, dass es auch mal abwarten muss. Es muss lernen sich selbst zu beruhigen!“. Sondern es ist wichtig, dem Kind zu jeder Zeit zu zeigen, dass es nicht alleine ist und es in jedem Gefühl/Bedürfnis (Angst, Hunger, Nähebedürfnis, Müdigkeit, Unwohlsein, Bauchschmerzen) zu begleiten, tags wie nachts. Denn nur so kann es das Vertrauen stärken und sich sicher und geborgen fühlen.

Ich habe immer sofort reagiert, wenn die Große etwas brauchte (mache ich übrigens auch jetzt noch). Sie musste nie lange „rufen“ bzw. weinen oder schreien, hatte die Gewissheit, dass jemand kommt. Kinder schreien IMMER, weil sie etwas brauchen und nicht, weil sie uns ärgern, nerven oder gar tyrannisieren wollen!!!

4. Berührung

„Wenn du dein Kind ständig trägst, will es natürlich nicht mehr alleine oder im Kinderwagen liegen.“ Auch wenn das Kind nicht ständig getragen wird, kann es sein, dass es nicht alleine sein will oder den Kinderwagen nicht mag. Babys und Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Nähe. Ist ja klar, schließlich waren sie der Mutter in deren Bauch monatelang immer nah. Sie haben sie gespürt, ihren Herzschlag gehört, sie reden gehört. Es war immer warm, sie mussten nie Hunger leiden, für alles war gesorgt.

Selbstverständlich möchten sie nach der Geburt diesem Zustand weiterhin so nah wie möglich kommen. Sie sind es nicht gewohnt alleine zu liegen. Sie wurden immer herumgetragen und geschunkelt, als sie noch im Bauch waren. Das heißt aber natürlich auch nicht, dass ein Kind nie abgelegt werden darf oder dass ein Kinderwagen schlecht ist. Das Kind wird schon zeigen, was es braucht.

Ich habe die Große in ihren ersten 4 Lebensmonaten fast ausschließlich im Tragetuch gehabt. Ob zu Hause während der Hausarbeit, unterwegs, bei Freunden… Sie hat sich dort unglaublich wohl gefühlt, sich immer sofort beruhigt und selig geschlafen. Anschließend sind wir auf eine Tragehilfe umgestiegen, weil es uns allen angenehmer war. Auch jetzt noch ist die Große sehr kuschelbedürftig und fühlt sich auf meinem Schoß sehr wohl. Trotzdem hatten und haben wir auch einen Kinderwagen, der aber nie sehr beliebt war.

5. Sicherer Schlaf

Das Kind soll einen sicheren Schlaf haben, sprich, sich im Schlaf sicher fühlen. Wie bei den vorherigen Punkten schon angesprochen, fühlt es sich am wohlsten, wenn es in der Nähe der Eltern sein kann, Körperkontakt hat usw. Es braucht die Gewissheit, dass die Eltern nicht weit sind.

Am Einfachsten hierfür ist meiner Meinung nach das Familienbett, auch wenn dieser Satz dagegenspricht: „Nimm das Kind bloß nicht mit ins Elternbett, es gewöhnt sich dran und du bekommst es nie mehr ins eigene Bett!“. Hier können Eltern und Kind zusammen schlafen, das Kind kann (wenn gestillt wird) jederzeit an Mamas Brust, oder eben auch anderweitig kuscheln. Wenn es aufwacht, hat es die Gewissheit, dass es nicht alleine ist. Und, by the way, die Eltern können die größtmögliche Portion Schlaf für sich rausholen ohne ständig aufstehen zu müssen. Denn auch das ist „bedürfnisorientiert“.

Es geht ja nicht nur um die Bedürfnisse des Kindes, sondern auch der Eltern. Aber natürlich sind auch alle anderen Schlafformen okay, solange sich alle damit wohlfühlen. Kinder sind da unterschiedlich und Kinderschlaf oft ein Buch mit 7 Siegeln. Also ausprobieren und auf das Kind hören. Es wird Bescheid geben, was es braucht und wie es sich am Wohlsten fühlt.

Und dass es zum Einschlafen Begleitung braucht und Nähe sucht ist völlig normal. Nicht normal (wenn man davon überhaupt sprechen kann) ist eher dass sich ein Kind von Anfang an selbst beruhigen kann („Wenn du dein Kind täglich in den Schlaf begleitest, verwöhnst du es und es wird nie alleine einschlafen. Lass es schreien, dann lernt es das Ein- und Durchschlafen von ganz alleine.“). Wir für unseren Teil praktizieren das Co-Sleeping seit Beginn an, weil unsere Große bis vor Kurzem nur auf, über oder neben uns geschlafen hat und es sich für uns gut anfühlt.

6. Bestimmtheit

Es geht nicht darum, dem Kind komplett die Führung zu überlassen. Wir sind immer noch die Eltern und wissen auch manchmal, was besser ist bzw. was eben sein muss. Z.B. Zähne putzen oder ähnliches. D.h. Attachment Parenting schließt Bestimmtheit nicht aus, denn das wäre manchmal ja auch grob fahrlässig. Es ist aber wichtig, dem Kind zu erklären, warum z.B. Zähne putzen wichtig ist. Oder dass der Kinderarztbesuch eben sein muss usw. Meine Große ist auch keine besonders begeisterte Zähneputzerin. Trotzdem tun wir es jeden Abend. Eine Freundin hat mir ein sehr hilfreiches Zahnputzlied geschickt, damit klappt es etwas besser (manchmal). Aber ohne Zähneputzen geht es nicht weiter im Programm.

7. Disziplinierung

Hier geht es darum, dass die Kinder nicht bestraft werden sollen. Dass keine Drohungen oder Verbote ausgesprochen werden, sondern die Kommunikation im Vordergrund steht. Die Eltern erklären ihrem Kind, warum es das Essen nicht herumschmeißen soll. Das Kind wird für sein Trotzverhalten (z.B. in der Autonomiephase) nicht bestraft, sondern hindurch begleitet etc.

Das ist natürlich nicht immer einfach. Aber es ist inzwischen ja bewiesen, dass Kinder nicht „trotzen“, um ihre Eltern zu ärgern oder gar ihre Grenzen auszutesten.  Vielmehr kommt es beim Kind zum Wutanfall, wenn es überfordert ist und von seinen eigenen Gefühlen überrollt wird. Daher ist es wichtig, das Kind zu begleiten, zu kommunizieren, die Gefühle für das Kind zu verbalisieren (damit es später auch in der Lage ist, dies selbst zu tun) und das gemeinsam durchzustehen. Das Kind dafür zu schimpfen ist nicht hilfreich, man gibt ihm das Gefühl, dass seine Emotionen nicht okay sind.

Wenn die Große also unbedingt Naschen möchte, sie aber keine Gummibärchen bekommt (weil es keine mehr gibt oder ich finde, dass sie jetzt keine Süßigkeiten kriegen soll) kann es sein, dass sie von ihren Gefühlen überrollt wird. Sie möchte UNBEDINGT Gummibärchen haben, ist enttäuscht, dass sie keine bekommt, fühlt sich ungeliebt (weil ein Nein in dem Alter persönlich genommen wird). Ist doch klar, dass sie dann austickt und nicht mehr weiß, wie sie damit umgehen soll. Dann verbalisiere ich diese (eben genannten) Gefühle für sie, zeige Verständnis, bleibe aber bestimmt, bis sie sich beruhigt hat. Ich nehme sie also Ernst und zeige ihr, deine Gefühle sind okay, du darfst sie äußern

8. Gleichgewicht

Es soll aber auch ein Gleichgewicht bestehen zwischen den Bedürfnissen des Kindes und denen der Eltern. Natürlich kann das Baby und Kleinkind seine Bedürfnisse noch nicht hinten anstellen und sie sollten möglichst sofort befriedigt werden. Unabhängig davon können sich die Eltern aber gegenseitig Freiräume schaffen, sich entlasten und die Bedürfnisse des Partners beachten oder sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern. Denn nur, wer auch sich nicht vergisst, kann wieder gestärkt und voll und ganz für das Kind da sein.

Ich habe mich eigentlich erst einige Zeit nach der Geburt der Großen mit dem Attachment Parenting auseinandergesetzt und dann mit Erstaunen festgestellt, dass ich das eigentlich von Anfang an so praktiziert habe, ganz intuitiv, aus dem Mutterinstinkt heraus.

Deshalb möchte ich euch Mut machen: Hört auf euer Kind, gebt ihm eine Stimme, nehmt seine Bedürfnisse ernst und lasst euren Mutterinstinkt euch leiten! Jeder, der sagt, du MUSST irgendwas ändern, obwohl es sich für dein Kind und dich gut anfühlt, der hat UNRECHT! Legt euch ein dickes Fell zu gegenüber ungefragten Ratschlägen und ruht in euch selbst! Ihr macht das gut und jeder, der was anderes behauptet, soll es erstmal besser hinkriegen! Ihr seid die Experten für die Erziehung eures Kindes, sonst niemand!


So, das musste mal gesagt werden!

Wie handhabt ihr die unterschiedlichen Punkte?

4 Kommentare

  • Christine

    Danke, sehr interessant. Ich lebe im Ausland und bin deshalb weit entfernt von meiner Familie. Deshalb blieb ich von „gut gemeinten Ratschlägen“ weitestgehend verschont. Ich habe einfach gemacht was sich für mich richtig angefühlt hat und stelle im Nachhinein fest, dass es sich fast 1 zu 1 mit dem deckt was du hier beschreibst.
    Wir müssen keine Bücher lesen um zu wissen wie man ein Baby versorgt. Auf den eigenen Instinkt vertrauen reicht in den meisten Fällen vollkommen aus.
    Mein zweites Kind ist 1,5 Jahre und ich muss sagen: Attachement Parenting kann schon auch ganz schön anstregend sein….

    • fraufreigeist

      Ja, da hast du vollkommen Recht! Der Mutterinstinkt wird leider voll unterschätzt und durch eben diese klugen oder weniger klugen Ratschläge abtrainiert…Ich habe auch erst später von Attachment Parenting gehört und ebenfalls festgestellt,dass ich ganz intuitiv schon ganz danach handle. Das glaube ich dir gern, dass es ,it zwei Kindern nicht einfacher wird…Das geht für mich jetzt auch gerade los.

  • Busymamawio

    Liebe Britta,
    Ich finde das ein sehr schwieriges Thema! Ich erziehe einerseits gerne bedürfnisorientiert und besonders meine kleine bekommt da die volle Rücksicht und Anteilnahme. Die würde sie sich als high need Baby auch so holen. Meine große allerdings kann ich nicht mehr so „gehen lassen“. Bei ihr merke ich schnell, dass sie aus der Reihe tanzt und mich an der Nase rum führt, wenn ich zu locker lasse. Ich denke dass dir im späteren Kindesalter noch andere Situationen begegnen werden, an dem es unausweichlich wird, Regeln aufzustellen. Aber ich bin mir sicher, dass ihr das instinktiv super machen werdet!
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

    • fraufreigeist

      Ich gespannt, ob und wie sich die Erziehung und Beziehung, aber auch die Bedürfnisse größerer Kinder verändern. Sicherlich werden wir es alle schaffen, dann auch entsprechend darauf einzugehen.

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