Erziehung

Freispiel – so wichtig für die kindliche Entwicklung

Konflikt „Sinnvolles“ Spielen vs. Haushalt

Freispiel
Freispiel

Wir Mamas kennen ihn doch alle, den Konflikt „Sinnvoll Spielen“ mit dem Kind vs. Haushalt. Dies ist vermutlich eine typische Szene im Familien-Alltag: Die Working Mum und Kind kommen nach Arbeit und KiTa (oder Schule) nach Hause und das Kind läuft freudig ins Kinderzimmer und ruft „Mama, komm!“. Denn es möchte mit der Mama spielen, basteln, Bilderbücher lesen. Vielleicht möchte es auch einen Kuchen backen oder ähnliches. Die Mama würde nichts lieber tun, als das. Schließlich möchte sie Zeit mit dem Kind verbringen und es zudem „pädagogisch sinnvoll“ beschäftigen. Doch auf der To-do-Liste stehen noch viele andere Punkte: Staubsaugen, Bad putzen,  Wäsche waschen uvm. Somit bleibt nur Freispiel für das Kind.

Der Druck der Gesellschaft

Und die Gesellschaft (oder wer auch immer) ist der Meinung, Mamas müssten beides gleichzeitig mit links hinkriegen. Der Haushalt soll perfekt sein, sonst gilt man als schmuddelig oder faul. Und das Kind soll an allen Ecken und Enden gefördert werden. Deshalb werden sie schon bevor sie bis Drei zählen können in immer mehr Kurse geschickt. Musikalische Früherziehung, Babyschwimmen und Pekip sind nur ein paar wenige Beispiele.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte hier diese Kurse keinesfalls verteufeln. Im Gegenteil, ich finde das Angebot für Kinder toll und habe mit der Großen auch selbst schon solche Kurse besucht. Ich glaube nur, dass viele Mütter ihre Kinder aus den falschen Beweggründen dorthin bringen. Nämlich aus Angst, dass sie sonst nicht genug lernen könnten, den gleichaltrigen Freunden motorisch oder kognitiv hinterher sein könnten und sie dann als „dumme“ Schulkinder mit zwei linken Händen und Füßen enden. Dabei sollten diese Kurse besucht werden, weil das Kind evtl. einfach viel Freude daran hat. Kinderturnen, weil das Kind sich gerne bewegt und austobt. Musikalische Früherziehung, weil es gerne singt und musiziert oder Tänzerische Früherziehung, weil es sofort abgeht, sobald das Radio läuft. 

Das ist aber noch lange nicht genug!

Abgesehen von den Kursen soll das Kind auch zu Hause unbedingt „gefördert“ werden und ausschließlich „pädagogisch sinn- und wertvoll“ beschäftigt werden. Da werden die tollsten Bastelarbeiten herausgesucht, Schneiden mit der Schere geübt, der Name wird so oft geschrieben, bis auch schon das dreijährige Kind ihn nachmalen kann und den Müttern fällt ein Stein vom Herzen, wenn das Kind endlich die Fingerfertigkeit besitzt, einen 2-meterhohen Turm aus Bausteinen zu bauen (natürlich farblich sortiert). Das Kind wird von morgens bis abends angeleitet, bespielt und bespaßt. Auch wenn dies von den Eltern gut gemeint ist und sie nur das Beste für ihr Kind wollen, sorgen sie trotzdem unbewusst dafür, dass das Spiel des Kindes somit völlig fremdbestimmt ist.

Zurück zu unserem Konflikt

Und nun kommen wir zu dem Ausgangsszenario bzw. dem Konflikt „Sinnvoll Spielen vs. Haushalt“ zurück. Bei all den Ansprüchen, die die Mütter (aufgrund des gesellschaftlichen Drucks) an ihre Erziehung (und somit an die Kinder) haben, können sie nur scheitern. Denn beides geht nicht. Zumindest bei mir nicht – da bin ich ehrlich! Entweder die Bude glänzt ODER mein Kind wird „sinnvoll dauerbeschäftigt“. Egal wofür wir uns also tagtäglich entscheiden, haben wir ein schlechtes Gewissen, weil das andere (vermeintlich) darunter leidet.

Doch damit möchte ich heute mal aufräumen!

Grundsätzlich finde ich, dass der Haushalt auch mal warten kann und würde mich im Zweifel immer lieber für die Zeit mit dem Kind entscheiden. Aber nicht zwangsläufig, weil ich das Gefühl habe, es ständig fördern zu müssen, sondern, weil ich die Zeit und das Spiel mit meinem Kind sehr genieße. Doch leider klappt das nicht ewig. Irgendwann türmen sich die Geschirrberge in der Küche, der Wäschekorb quillt über und die Wollmäuse auf dem Boden machen sich selbständig. Spätestens dann müssen auch diese unliebsamen Arbeiten also erledigt werden. 

D.h. das Kind ist „gezwungen“ alleine und völlig selbstbestimmt zu spielen. Mit dem Spielzeug, das es liebt, solange es Lust hat. Möglicherweise ganz ohne Förderung… Keiner, der ihm sagt, wie die Bausteine für den Turm angeordnet werden sollen. Der vorgibt, in welcher Farbe der Baum gemalt werden muss. Oder der aufschreit, weil das Kind zum (scheinbar) völlig „unpädagogischen“ Spielzeug greift. 

Für viele Eltern ein Horrorszenario… Doch für das Kind und dessen geistige Entwicklung ein Segen! Denn das Kind beginnt frei zu spielen.

Was genau heißt Freispiel eigentlich?

Freies Spiel heißt (wie schon angerissen), dass die Kinder den Spielort, das Spielmaterial, die Spielpartner und die Dauer des Spiels selbständig entscheiden dürfen.

Natürlich alles immer im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ein 3-jähriges Kind selbst entscheiden zu lassen, dass es (allein) am Bach hinter dem Haus spielen möchte, ist natürlich nicht möglich. Aber ob es im Kinderzimmer, Wohnzimmer oder im Garten spielen möchte schon.

Wofür ist das Freispiel gut?

Nun ist die Frage, wofür das Freispiel nun gut ist. Die Hirnforschung bzw. der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagt:

Durch das Freispiel wird die Gehirnentwicklung maßgeblich gefördert. Und im Kind angelegte Fähigkeiten, Talente etc. werden herausgestellt und sichtbar.

D.h. das Spielen ohne jede (Förder-)Absicht sorgt für die beste Vernetzung im Gehirn.

Denn die Kinder schlüpfen (nicht nur im Rollenspiel) in unterschiedliche Rollen, betrachten vieles aus verschiedenen Blickwinkeln, entwickeln selbständig Problemlösungen und Strategien. So wird das Gehirn auf ganzheitliche Art und Weise stimuliert und vernetzt. Diese Prozesse sind wiederum essentiell wichtig, damit die Kinder überhaupt Kreativität entfalten können. 

Ihr seht also, Spielen ist eigentlich mit ganzheitlichem Lernen gleichzusetzen. Und laut Gerald Hüther verfügen Kinder über ein sicheres Gespür dafür, welche Art von Spiel sie gerade weiterbringen kann. 

3 Beispiele für den Nutzen von Freispiel aus unserem Alltag:

Hierzu möchte ich 3 Beispiele aus dem Spielverhalten meiner Großen beisteuern:

Beispiel 1: Bauen

Freispiel Bauen

Sie spielt seit Wochen (fast) ausschließlich mit ihren Bausteinen. Es ging los damit, dass ein Turm nach dem anderen gebaut wurde, je höher desto besser. Doch immer nur mit den quadratischen Steinen, die anderen haben sie nicht interessiert. Seit neuestem sind die Türme vergessen, nun werden die Steckplatten im Muster (selbsterdacht) mit quadratischen Bausteinen bestückt. Und ganz neu (seit einigen Tagen) ist dieses Muster farblich sortiert. Unglaublich, was in diesem Freispiel ganz ohne Förderung (von außen) passiert: 

–          Auseinandersetzung mit den Farben und Formen

–          Mathematisches, Strukturiertes Denken

–          Feinmotorik

–          Geschicklichkeit

–          Konzentration und Ausdauer

Beispiel 2: Puppenmama

Freispiel mit Puppen

Wenn die Große nicht gerade mit den Bausteinen spielt, sieht man sie eigentlich immer mit ihren Puppen, oder „Babys“, wie sie sie liebevoll nennt. Sie füttert sie, bringt sie ins Bett, küsst, kuschelt und pflegt sie. Indem sie das an mir beobachtete Verhalten (also meinen Umgang mit der Kleinen) spiegelt und in ihrem Spiel umsetzt, vernetzen sich im Gehirn diese Wahrnehmung und das Tun zu einem komplexen Wissen über den (meist) liebevollen Umgang miteinander. Was also wird dadurch von ganz allein gefördert?

–          Sozialkompetenzen (Rücksichtnahme, Wertschätzung, Fürsorge, Liebe)

–          Abläufe im Alltatag / Zeitgefühl (Zu Bett gehen, essen)

–          Bindung

Beispiel 3: Puzzlen

Freispiel puzzlen

Vor dieser Bausteine-Puppen-Zeit hat meine Große sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die momentan fast vollständig ausgeblendet sind. Z. B. mit Puzzlen. Hierbei hat sie sich Folgendes (nach ihrem Entwicklungsstand) schon angeeignet:

–          Formen erkennen

–          Auge-Hand-Koordination

–          Zusammengehörigkeiten erkennen

–          Gegenstände benennen (je nach Puzzle)

–          Sprachentwicklung

Ist das nicht verrückt? Das alles ganz ohne irgendwelche Kurse oder groß angelegte Beschäftigungs- und Förderangebote!

Also liebe Mamas: Nach diesem kleinen Exkurs in die Gehirnforschung und die Entwicklungspsychologie ist eines völlig klar:

Wenn wir uns zwischendurch mal um den Haushalt kümmern, brauchen wir in Zukunft kein schlechtes Gewissen mehr haben! Denn das Kind wird auch im eigenen Freispiel genug gefördert, bzw. fördert sich schlicht und ergreifend selbst. Und das noch besser als bei allen Kursen und Angeboten. Es muss also nicht immer um sie herumgespielt, angeleitet und bespaßt werden. Ist das nicht schön? Die Kurse und Angebote können das ganze Lernen natürlich, weil sie auch Spaß machen und evtl. auf individuelle Fähigkeiten und Talente abgestimmt sind, noch schön abrunden. Solange genug Zeit für das Freispiel bleibt. 

Und wenn wir trotzdem mal keine Lust auf den (leidigen) Haushalt haben, können wir unser Kind im Freispiel begleiten. Wir können Spielpartner sein (wenn das Kind das möchte), uns mit einbringen oder einfach beobachten und staunen. Das freie Spiel kann quasi von uns gefördert bzw. angeregt werden, indem wir eine offene Spielatmosphäre schaffen, interessante Spielmaterialien zur Verfügung stellen und dem Kind dann soviel Freiraum wie möglich schaffen um frei spielen zu können. 

Hört sich gar nicht so kompliziert an, oder? 

7 Kommentare

  • Manja

    Ich kann Dir da absolut nur zustimmen. Der Spagat einer ausgewogenen Zeiteinteilung zwischen Spiel, Haushalt und Entspannung (ja, auch Mamas dürfen entspannen) ist nicht einfach hinzubekommen, aber die Kinder werden so schnell groß und dann hat man Zeit für den Haushalt. Ich bekomme nie unangemeldeten Besuch, wenn alles perfekt sauber ist, aber im größten Chaos erscheint irgendwie immer jemand. Aber das ist mir egal, Zeit zum Spielen, zuhören und Quatsch machen ist kostbarer als Fenster putzen.

    Ich habe mich auch bewusst gegen die vielen Angebote zur Förderung entschieden, denn Freispiel und auch der Spielplatz ist für mich sehr wichtig. 1 – 2 Angebote die Woche reichen, Besuche bei Freunden kommen da noch dazu. Ich wollte nie nur Mama-Taxi sein und eine Helikopter-Mama erst recht nicht. Wenn ich die Kids in jeden Kurs stecke, können sie sich nicht entfalten, viele Mütter sehen es anders und gehen in der Zeit lieber Kaffee trinken und meine Gutes zur Entwicklung beizutragen.

    LG Manja

  • Jana

    In meinem Job spiele ich den ganzen Tag mit Kindern. Anfangs wird immer das Problem, mit dem sie zu mir kommen, geübt (Sprachstörungen) und wenn wir fleißig waren, lasse ich sie die letzten 5-10 Minuten aussuchen, was wir am Ende machen wollen. Da kommen manchmal die lustigsten Spielideen zusammen.

    Liebe Grüße
    Jana

  • Busymamawio

    Meine große Tochter hat das zum Glück immer super gemacht mit dem Freispiel und hat mich im Gegenteil auch eher mal raus geschickt. Sie genießt die Zeit, ungestört sein zu können und hat eine große Fantasie, die sie in diesem Spiel ausleben kann. Sie bevorzugt dabei eher ihre Fillies 🙂
    Viele Grüße
    Wioleta

  • Denise

    Puh. Dieses Thema haben wir heute noch.
    Meine Tochter ist mittlerweile 7 Jahre alt und da versteht sie noch einiges mehr.

    Mittlerweile hilft sie mir, damit wir schneller spielen können

  • Eileen

    Ich kann es nur bestätigen, in meiner Kindheit und als meine Schwestern klein waren mussten wir uns auch öfters mal alleine beschäftigen. Mein Papa war die ganze Woche arbeiten und nur am Wochenende zuhause und meine Mutter konnte uns nicht rund um die Uhr bespaßen. Es hat uns in keinster Weise geschadet 🙂

    Jedoch sollte jeder das tun was er für richtig hält, ein richtig oder falsch gibt es meiner Meinung nach nicht. Jeder wie er kann.

    Viele Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

  • Avaganza

    Ich habe das Freispiel meiner Kinder nie besonders fördern müssen, weil sie es ohnehin selbst gemacht haben. Das fand ich immer sehr wertvoll und wichtig. Ich denke es kommt auch viel auf die Vorbildwirkung der Eltern an – wenn man sich selbst ständig berieseln lassen muss dann färbt das indirekt auch auf die Kinder ab.

    lg
    Verena

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